Die Großstädte und das Geistesleben

Georg Simmel

Menschliche Mentalitäten in der Großstadt

Auf der Basis seines Hauptwerkes Philosophie des Geldes hält Georg Simmel vor rund 100 Jahren einen Vortrag mit dem Titel Die Großstädte und das Geistesleben. In diesem Vortrag beschreibt Simmel Auswirkungen der modernen Großstadt auf ihre Bewohnerinnen und Bewohner.

Georg Simmel, geboren 1858 in Berlin, war deutscher Soziologe, Philosoph und Kulturtheoretiker. Er war Universitätsprofessor und 1909, neben Ferdinand Tönnies und Friedrich Herkner, Initiator der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS). Die DGS, welcher auch Max Weber angehörte, ist eine bis heute aktive Vereinigung zur Förderung der soziologischen Forschung und Lehre.

Mit seinen Überlegungen gehört Georg Simmel zu den Mitbegründern der Stadtsoziologie. In seinem Hauptwerk Philosophie des Geldes beschäftigt er sich mit der These, dass Geld immer mehr Einfluss auf die Gesellschaft, Politik und das Individuum erhalte. Basierend auf diesem Text hält Simmel 1903 einen Vortrag auf der deutschen Städte-Ausstellung der Gehe-Stiftung in Dresden. Auf dieser wurde aus unterschiedlichen Perspektiven das damalige, aktuelle Wissen über die Großstadt präsentiert. Simmels Vortrag wurde anschließend unter dem Titel Die Großstädte und das Geistesleben veröffentlicht. Abgedruckt wurde der Vortrag erstmals 1903 im Jahrbuch der Gehe-Stiftung und unter anderem 2006 vom Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main1 reproduziert. Simmels Text, welcher im Folgenden bearbeitet wird, ist somit kein eigenständiger soziologischer Beitrag, sondern Teil seiner kulturgeschichtlichen Hauptgedanken. Die Großstadt wählt Simmel als Veranschaulichung seiner Gedanken, da sie für ihn Schauplatz der modernen Gesellschaft darstellt.

Simmels Krenbegriffe

Simmel sucht in Die Großstädte und das Geistesleben Ursachen für menschliche Mentalitäten und Verhaltensweisen in der Großstadt. Demnach seien Intellektualität, Blasiertheit und Reserviertheit drei Kerncharakterzüge von Großstadtbewohnerinnen und -bewohnern. Diese drei Begriffe, welche im folgenden erläutert werden, stellen den Mittelpunkt von Simmels Argumentation dar.

Zu Beginn die Anmerkung, dass Simmel in seinen Ausführungen wiederkehrend Großstadtbewohnerinnen und -bewohner mit denen des Landes vergleicht. Für Simmel ist der Mensch ein Unterschiedswesen „d.h. sein Bewußtsein wird durch den Unterschied des augenblicklichen Eindrucks gegen den vorhergehenden angeregt” (Simmel 2006: 9) Simmel ermöglicht mit der Gegenüberstellung der Stadt- und Landbewohner einen anschaulichen Vergleich der Unterscheidung und Veränderung der städtischen und ländlichen Lebensweise.

Als erstes Merkmal nennt Simmel die Intellektualität oder auch Verstandesmäßigkeit von Stadtbewohnerinnen und -bewohnern. Durch die schnelle technische Entwicklung in den Städten kommen viele Eindrücke zusammen, die von den Menschen verarbeitet werden müssen. Die daraus folgende Reizüberflutung drückt sich, so Simmel, in einer „Steigerung des Nervenlebens“ (ebd.: 9) aus. Um als einzelne Person dabei nicht unterzugehen, entwickeln Stadtmenschen eine Art Schutzorgan, um auf die herrschende Reizüberflutung angemessen reagieren zu können. Statt mit dem Gemüt – wie es auf dem Land üblich sei – Eindrücke zu verarbeiten, wird der Verstand zum Handeln eingesetzt. Simmel nennt dies „die Steigerung des Bewußtseins“ (ebd.: 11). Zusammengefasst: Die Steigerung des Nervenlebens in den Großstädten führt zu einer Reizüberflutung, auf welche mit der Steigerung des Bewusstseins reagiert wird, was Simmel als Intellektualität bezeichnet.
Im weiteren Verlauf des Textes geht es bei Simmel zunehmend um die Einflüsse der Geldwirtschaft auf zwischenmenschliche Beziehungen. Städte seien technisch und wirtschaftlich bedingt der Sitz des Geldes, welches einen sachlichen und berechenbaren Umgang fordere (vgl. ebd.: 15). Eben dies habe auch Auswirkungen auf zwischenmenschliche Beziehungen in Städten. Menschliche Beziehungen seien zunehmend mehr auf den Zweck der Begegnungen ausgelegt, anstatt auf soziale, empathische Kontakte. Simmel nennt dafür das Beispiel der Beziehung zwischen Lieferanten und Abnehmern (vgl. ebd.:13). Zwischen beiden herrsche eine Art Pflichtverkehr, eine zweckgebundene Leistungserfüllung, bei der „Pünktlichkeit, Berechenbarkeit, Exaktheit“ (ebd.: 17) eine wichtige Rolle einnehme. Durch diese zweckgebundene Interaktion entstehe Überheblichkeit der Großstädterinnen und Großstädter zueinander, welche sich in Blasiertheit ausdrücke. „Es gibt vielleicht keine seelische Erscheinung, die so unbedingt der Großstadt vorbehalten wäre, wie die der Blasiertheit“ (ebd.:19). Was Simmel mit dem Begriff der Blasiertheit ausdrückt, lässt sich mit Überheblichkeit oder Arroganz beschreiben. Dieses Merkmal rührt für Simmel ebenfalls aus der Geldwirtschaft. Denn Menschen suchen in Dingen, gleichermaßen wie in Menschen den Wert der Dinge; sei es nun der Wert einer Sache oder der Wert der Leistung einer Person. „Das Wesen der Blasiertheit ist die Abstumpfung gegen die Unterschiede der Dinge, nicht in dem Sinne, dass sie nicht wahrgenommen würden, wie von Stumpfsinnigen, sondern so, daß die Bedeutung und der Wert der Unterschiede der Dinge und damit die Dinge selbst als nichtig empfunden wird.“ (ebd.: 20) Das bedeutet, dass Großstädterinnen und -städter mit Menschen und Dingen gleich umgehen, sie fragen nach dem Wert ihrer Leistung.

Allerdings sieht Simmel die Blasiertheit nicht als Böswilligkeit der Menschen an. Sie sei ebenfalls eine Reaktion auf die Reizüberflutung in den Städten. Blasiertheit werde von Menschen aus Unfähigkeit eingesetzt, auf alle Reize angemessen – also mit dem Gefühlsleben – zu reagieren. Diese Unfähigkeit drückt sich schließlich in Überheblichkeit, Hochmut und Arroganz aus.

Aus diesen zwei Charaktereigenschaften – Intellektualität und Blasiertheit – der Großstädterinnen und Großstädter, folgt der Umgang der Menschen miteinander, den Simmel als Reserviertheit bezeichnet. „Die geistige Haltung der Großstädter zueinander wird man in formaler Hinsicht als Reserviertheit bezeichnen dürfen“ (ebd.: 23). Als dritten Kernbegriff betitelt Simmel Stadtmenschen als reserviert oder distanziert, kühl. Auch hier sieht Simmel die Reserviertheit als einen Schutzmechanismus, als „Widerstand des Subjektes, in einem gesellschaftlich-technischen Mechanismus nivelliert und verbraucht zu werden“ (ebd.: 8). Das dritte Merkmal diene zum einen als eine Art Filterfunktion der Eindrücke des städtischen Lebens, mit welchen der Geist nicht gleichermaßen umgehen könne. Zum anderen werde die Distanz und Kühle aus Misstrauen gegenüber anderen Menschen eingesetzt. Als Beispiel nennt Simmel ein kühles und zurückhaltendes Auftreten von Fremden zueinander, bei welchem eine scheinbare Gleichgültigkeit herrsche. Simmel betont, dass ohne diese scheinbare Gleichgültigkeit ein Leben in dieser Form der Enge für Menschen nicht möglich wäre.

Was daraus entsteht

Georg Simmel_2Im ersten Teil der Monografie werden Kernbegriffe – Intellektualität, Blasiertheit und Reserviertheit – erläutert. Im zweiten Teil geht Simmel darauf ein, was positive Folgen dieser sind und, was Menschen daraus ziehen können. „Diese Reserviertheit mit dem Oberton versteckter Aversion erscheint aber nun wieder als Form oder Gewand eines viel allgemeineren Geisteswesens der Großstadt. Sie gewährt nämlich dem Individuum eine Art und ein Maß persönlicher Freiheit“ (ebd.: 25). Simmel nennt Stadt als Ort möglicher Individualisierung, sie gebe Freiheiten, die auf dem Land nicht möglich wären. Um diese Aussage zu verdeutlichen, nennt der Autor folgende zwei Beispiele für spezifische Eigenheiten der Stadt.

Zunächst wird der soziale Kreis von Landbewohnern und Stadtbewohnern miteinander verglichen. Auf dem Land sei der soziale Kreis, also die Kontakte zu anderen Menschen, in sich geschlossen sehr stark. Zugleich biete er aber wenig Freiraum für persönliche Entfaltung, es herrsche eine Konformität der Mitglieder. Wenn die Gruppe wächst, numerisch und räumlich, wie es in der Stadt der Fall ist, werde die innere Einheit gelockert und der oder die Einzelne gewinnt mehr Bewegungs- und Handlungsfreiheit (vgl. ebd.: 27). Das Individuum fühlt sich also in der räumlichen Enge der Stadt durch geistige Distanz unabhängiger, als dass er oder sie es auf dem Land tuen würde.

Als zweites Beispiel beschreibt Simmel die Arbeitsteilung als weitere Besonderheit der Stadt. In Städten sind nun viele Menschen auf engem Raum, die die Freiheit haben zu wählen, was sie tuen möchten. Gleichzeitig seien Städte, durch die Größe des Personenkreises, aufnahmefähig für unterschiedlichste Arten der Leistung. Individuen müssen also, um wahrgenommen zu werden und unverwechselbar zu sein in der Masse auffallen. In diesem Spannungsverhältnis zwischen Freiheit und Wettstreit entwickele sich Spezialisierung der Leistungen, Konkurrenzkampf und Arbeitsteilung. Zudem seien Begegnungen mit Menschen in der Stadt kurz und der oder die Einzelne muss seine oder ihre Persönlichkeit gebündelt zum Ausdruck bringen und „in dem Umworbenen immer neue und eigenartige Bedürfnisse hervorzurufen suchen“ (ebd.: 36). Das Individuum ist also durch die herrschende Reizüberflutung und Konkurrenz dazu genötigt, durch geistige Anpassung – eben durch Intellektualität, Blasiertheit und Reserviertheit – seine Individualität zu bewahren.

Georg Simmel_3Was Simmel in Die Großstädte und das Geistesleben beschreibt, lässt sich resümieren als die Frage nach dem Verhältnis der Gesellschaft zur einzelnen Person und ihrem Kampf ihre Individualität zu erhalten. „Die tiefsten Probleme des modernen Lebens quellen aus dem Anspruch des Individuums, die Selbstständigkeit und Eigenart seines Daseins gegen die Übermächte der Gesellschaft (…) zu bewahren“ (ebd.: 7). Es ist unsere Aufgabe nicht „anzuklagen oder zu verzeihen, sondern allein zu verstehen.“ (ebd.: 44)

Rund 100 Jahre später hat Simmels Publikation immer noch nicht an Aufmerksamkeit und Bedeutung verloren. 2011 erst veröffentlichte das Georg-Simmel-Zentrum für Metropolenforschung ein Herausgeberwerk, in welchem der Frage nach gegangen wird, „welche Relevanz Simmel für die heutige Stadtforschung besitzt.“(Harald A. Mieg (Hg.) 2011: 7)

Mieg, Harald A., Sundsboe Astrid O., Bienick, Majken (Hg.): Georg Simmel und die aktuelle Stadtforschung. Wiesbaden: Springer VS Verlag, 2011, 1. Auflage
Simmel, Georg: Die Großstädte und das Geistesleben. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2006, 1. Auflage